Die Figurenkonstellation in "Homo Faber"
Wir erleben alle Figuren ausschließlich durch den Filter des Ich-Erzählers Walter Faber. Seine technische, emotionslose Sichtweise verzerrt die Wahrnehmung der anderen Charaktere. Es ist daher essenziell für eine Analyse, zwischen Fabers Wahrnehmung und der tatsächlichen Funktion der Figur zu unterscheiden.
Walter Faber
Die Hauptfigur: Ein Ingenieur der UNESCO, 50 Jahre alt, Schweizer.
Charakterisierung
- Rationalist: Er glaubt an Statistik, Wahrscheinlichkeit und Technik. Gefühle sind für ihn "Ermüdungserscheinungen".
- Technokrat: Er sieht die Welt als Maschine. Natur ist ihm unheimlich ("Gewächs"). Er filmt lieber, als zu erleben.
- Bindungsunfähig: Er flieht vor festen Bindungen (Ivy, Hanna). Frauen sind für ihn ein Rätsel oder eine Last.
- Identitätskrise: Im Verlauf des Romans bröckelt seine Fassade. Er erkennt, dass sein Leben leer ist ("Ich habe mich selber nicht angenommen").
Zentrale Zitate
"Ich glaube nicht an Fügung und Schicksal, als Techniker bin ich gewohnt, mit den Formeln der Wahrscheinlichkeit zu rechnen."
"Der Mensch als Konstrukteur: Er baut Maschinen, die leistungsfähiger sind als er selbst, weil sie keine Gefühle haben."
Elisabeth "Sabeth" Piper
Die Tochter: 20 Jahre alt, Studentin, Tochter von Hanna und (unwissentlich) Walter.
Charakterisierung
- Lebensfroh & Intuitiv: Sie liebt Kunst, Musik und das "Schauen". Sie sieht die Welt nicht funktional, sondern ästhetisch.
- Katalysator: Sie ist der Auslöser für Fabers Veränderung. Durch sie lernt er, die Welt neu wahrzunehmen ("die Fische").
- Opfer: Sie wird das Opfer von Fabers Blindheit (Inzest) und seines technischen Versagens (Unfall/Tod).
Funktion im Roman
Sabeth verkörpert das Leben und die Zukunft. Sie ist das Gegenprinzip zu Fabers technischer Kälte. Ihr Tod symbolisiert das endgültige Scheitern von Fabers Lebensentwurf.
Hanna Piper
Die Mutter: Fabers Jugendliebe, Archäologin in Athen ("Halbjudin").
Charakterisierung
- Unabhängig: Sie hat Faber verlassen, weil er das Kind (Sabeth) abtreiben wollte ("es wegmacht"). Sie hat Sabeth allein großgezogen.
- Intellektuell: Sie durchschaut Faber und seine "Technik-Hybris". Sie nennt ihn einen "Homo Faber" (Mensch als Handwerker).
- Verbindung zur Antike: Als Archäologin steht sie für Mythen, Geschichte und das Schicksalhafte (Verbindung zu Demeter/Erinnyen).
Zentrale Zitate
"Der Mann sieht sich als Herr der Welt, die Frau als Mutter aller Dinge." (Hanna über Geschlechterrollen)
"Du hast kein Bildnis von mir gemacht." (Hanna wirft Faber vor, sie nicht als Mensch gesehen zu haben)
Die Nebenfiguren
Ivy
Fabers Geliebte in New York. Sie ist verheiratet, klammert aber an Faber. Ihr Name ("Ivy" = Efeu) ist Programm: Sie ist eine Schlingpflanze, die Faber die Luft nimmt. Für Faber ist sie das Klischee der "dummen Frau", die nur Gefühle will. Tatsächlich ist sie ein Spiegel seiner eigenen Beziehungsunfähigkeit.
Joachim Hencke
Fabers ehemaliger Studienfreund. Er hat Hanna geheiratet, nachdem Faber sie verlassen hatte. Er begeht im Dschungel von Guatemala Selbstmord. Sein Tod ist ein "Memento Mori" für Faber: Auch der rationale Lebensentwurf schützt nicht vor Verzweiflung. Joachim ist das gescheiterte Gegenstück zu Faber.
Herbert Hencke
Joachims Bruder. Er begleitet Faber in den Dschungel. Er ist ein desillusionierter Idealist, der auf der Plantage bleibt ("bei den Toten"), während Faber weiterreist. Er steht für Resignation und Stillstand.
Marcel
Ein Musiker und Freund, den Faber trifft. Er steht für die Welt der Kunst und Boheme, die Faber fremd ist, ihn aber fasziniert und irritiert. Marcel zeigt Faber, dass es eine Welt jenseits der Nützlichkeit gibt.