Max Frisch (1911–1991)
Max Frisch zählt neben Friedrich Dürrenmatt zu den bedeutendsten deutschsprachigen Schriftstellern der Nachkriegszeit. Sein Werk, das Romane, Theaterstücke und Tagebücher umfasst, befasst sich intensiv mit Fragen der Identität, Moral und der Verantwortung des Einzelnen in der modernen Welt.
Biografie
- 1911: Max Rudolf Frisch wird am 15. Mai in Zürich geboren. Sein Vater ist Architekt, die Familie lebt in einfachen Verhältnissen.
- 1930: Beginn des Germanistikstudiums an der Universität Zürich. Nach dem Tod des Vaters 1932 muss er das Studium aus finanziellen Gründen abbrechen und arbeitet als freier Journalist (u.a. NZZ).
- 1936–1940: Zweites Studium: Architektur an der ETH Zürich. Frisch führt danach ein Doppelleben als Architekt und Schriftsteller. Eines seiner bekanntesten Bauwerke ist das Freibad Letzigraben in Zürich.
- 1954: Der literarische Durchbruch gelingt mit dem Roman "Stiller". Frisch gibt seinen Beruf als Architekt auf und lebt fortan als freier Schriftsteller.
- 1957: Veröffentlichung von "Homo faber".
- 1960er: Frisch reist viel (USA, Mexiko, Rom) und engagiert sich politisch. Er erhält zahlreiche Literaturpreise (u.a. Georg-Büchner-Preis 1958).
- 1991: Max Frisch stirbt am 4. April in Zürich an den Folgen einer Krebserkrankung.
Entstehung von "Homo Faber"
Nach dem Erfolg von "Stiller" konnte sich Frisch ganz dem Schreiben widmen. Er unternahm ausgedehnte Reisen in die USA, nach Mexiko und Griechenland – Schauplätze, die er direkt in "Homo Faber" verarbeitete.
Interessant ist die Genese des Romans: Eine erste Fassung von 1956 enthielt nur den zweiten Teil (den Krankenhausbericht). Frisch verwarf diese Version jedoch, da sie ihm zu sehr wie eine Kopie von "Stiller" vorkam. Erst nach einer Griechenlandreise 1957 schrieb er den Roman komplett um und fügte den "Bericht" der ersten Station hinzu. Im Gegensatz zu vielen seiner anderen Werke, die er oft noch Jahre später überarbeitete (z.B. "Graf Öderland"), änderte er an "Homo Faber" später kaum noch etwas.
Zentrale Themen im Gesamtwerk
1. Die Identitätsproblematik ("Ich bin nicht Stiller")
Die Frage "Wer bin ich?" zieht sich wie ein roter Faden durch Frischs Werk. In "Stiller" leugnet der Protagonist seine Identität. In "Mein Name sei Gantenbein" spielt er Rollen ("Ich probiere Geschichten an wie Kleider"). In "Homo faber" versucht der Protagonist, sich über seinen Beruf ("Ich bin Techniker") zu definieren, scheitert aber daran.
2. Das Bildnis-Verbot
Frisch greift das biblische Gebot "Du sollst dir kein Bildnis machen" auf und wendet es auf menschliche Beziehungen an. Wenn wir uns ein festes Bild von einem anderen Menschen machen ("Du bist so und so"), töten wir das Lebendige in ihm. Dieses Thema wird besonders im Drama "Andorra" (Vorurteile, Antisemitismus) und im Tagebuch behandelt.
3. Technik vs. Natur
Als studierter Architekt hatte Frisch ein ambivalentes Verhältnis zur Technik. Einerseits schätzte er die Klarheit und Konstruktion, andererseits sah er die Gefahr der Entfremdung von der Natur und dem Lebendigen. "Homo faber" ist seine deutlichste Auseinandersetzung mit diesem Konflikt.
Wichtige Werke
- Romane: Stiller (1954), Homo faber (1957), Mein Name sei Gantenbein (1964), Montauk (1975).
- Theaterstücke: Biedermann und die Brandstifter (1958), Andorra (1961), Biografie: Ein Spiel (1967).
- Tagebücher: Tagebuch 1946–1949, Tagebuch 1966–1971.